Das Internet und eine Jugendliebe

by matthias

[Original-Post vom 25-12-2007]

Es begann harmlos. Ein gewisser Harald stellte im Januar 2002 folgende Frage in einem Internetforum:

Hi, I’m looking for Michelle Gallagher, the actress of the 70’s children TV series „The Famous Five“ by Enid Blyton. Any ideas what she is doing now or if she has a website?

Wem der Name „Famous Five“ nun nicht bekannt vorkommt; es handelt sich hierbei um nichts anderes als die guten alten „Fünf Freunde“. Die angesprochene TV-Serie aus den späten 70er Jahren gehörte zu einer der beliebtesten Kinderserien im deutschen Fernsehen – auf jeden Fall nach der Meinung eines gewissen zehnjährigen deutschen Jungens Ende der 80er Jahre. Der erinnert sich sogar heute noch an das sympathischste Mitglied der mehrköpfigen Abenteuertruppe. Nein, nicht der Hund. Sondern die gute Georgina, die gerne ein Junge sein wollte und deswegen nur als George auftrat. Gespielt von, genau, Michelle Gallagher. Ja, dem Reiz der klassischen „Was macht eigentlich Person X heute“-Rubrik von Seite 59 kann sich auch der Autor dieser Zeilen nicht immer verwehren. Schließlich erinnert man sich doch immer wieder gerne an all die Pippis, Michels und Räubertöchter – und damit an ein Alter, in dem man sich im Urlaub noch enthusiastisch über eine gefundene 100 Lira Münze freute.

Aber was wurde nun aus Michelle Gallagher? Die Antwort folgt, 12 Forumseinträge und drei Jahre später, unter dem Pseudonym „Mama“. Und diese entfachte eine, gleichermaßen faszinierende wie auch abschreckende, Diskussion, welche schön die Probleme des heutigen „Jedermann-Journalismus“ im Internet aufzeigt. Aber erst mal Vorhang auf für „Mama“:

I knew Michele personally from around 1981 until her death. She had fallen into a very bad lifestyle after being involved in a motorcycle accident which left her partly disabled. She eventually took her own life around 2000.

Soviel zum Thema wunderschöne Kindheitsmemoiren. Doch, Moment! Wer ist eigentlich „Mama“? Woher will sie das alles wissen? Und können wir ihr überhaupt trauen? Willkommen im Internet. Bevor die anderen Forumsteilnehmer aber diese Fragen stellen, betritt ein weiterer interessanter Gast die Bühne. Wir schreiben März 2007, er ohne Punkt und Komma.

Yeah basically she was the best person in the world ever she tried to reach the stars and ended up becoming one i love you all for remembering my mother thank you.

Gezeichnet: Sean Gallagher. Sohn von Michelle. Sagt er zumindest. Willkommen im Internet. Logisch, dass er dann auch bald kommt, der erste Zweifler:

How do we know that Sean Gallagher and the person who claims to be Michelle are telling the truth?

Zeit fürs Kreuzverhör. Und eine Menge Recherchearbeit. Die findet seit geraumer Zeit auch schon auf anderen Nebenschauplätzen statt. Zum Beispiel auf Youtube. Hier meldet sich GraemePDCC. Echter Name unbekannt. Gekannt hat er dafür Michelle. Sagt er. Und erzählt dann auch von deren tragischer Lebensgeschichte – in ganzen drei Zeilen.

Mehr Gesprächsstoff gibt es immerhin auf der Webseite der Enid Blyton Society. Diese avanciert nun zum Hauptschlachtfeld. Hier will man Verifikation. Nur wie? Einer der Vorschläge: man könnte ja zum Beispiel enge Verwandte von Michelle kontaktieren. Dann auf einmal Aufregung. Es tauchen Fotos auf, die eine gealterte Michelle zeigen sollen. Nun tritt „Mama“ wieder auf. Diese sind Fälschungen. Die Menge ist skeptisch. Man fordert nun von „Mama“ Fotos der erwachsenen Michelle. „Mama“ erklärt sich bereit diese zu liefern. Man hört nie wieder von ihr. Nächste Aufregung. Andere Quellen erwecken den Anschein, als ob Michelle noch nach ihrem Tod im Fernsehen auftrat. Das wäre zugegebenermaßen etwas merkwürdig. Wieder schreitet aber jemand ein. Diesmal ist es Gary Russell. Er ist der Darsteller des „Dick“ aus der Serie. Sagt er. Und dementiert dann das Fernsehgerücht. Zur weiteren Aufklärung kann er aber auch nicht beitragen. Man kann also weiter diskutieren. Endlich stellt ein gewisser David die Gretchenfrage. Wenn auch mit fragwürdiger Kommasetzung:

„Can it be proven that anything on the Internet, is real?“

Es kommt tatsächlich eine intelligente Antwort. Diesmal von Keith. Sogar mit ordentlicher Interpunktion.

While I agree that we shouldn’t take everything we read on the internet at face value, that’s not to say that we should disbelieve everything because it’s on the internet.

Moment. Das könnte doch tatsächlich als Nährboden für eine intelligente Diskussion herhalten. Passiert natürlich nicht. Sondern stattdessen das, was in 99% aller Internetforen nach einer Zeit geschieht. Es folgt der Übergang in die Rüpelphase. Mit dem immergleichen Ablauf: sich steigernde persönlichen Beleidigungen, gelöschte Forumseinträge und dadurch angeregte oberflächliche Diskussionen über Meinungsfreiheit im Internet. Ob die nun wirklich immer wünschenswert ist? Nicht wenn man die Ideen von Bannerman65 liest. Der rätselt, ob man über die Heilsarmee einen Einblick in Michelles Sterbeurkunde bekommen könnte. Andere wiederum spekulieren über die Gründe für Michelles Freitod. Da wirft man dann auch schon mal den Verdacht einer möglichen Drogenabhängigkeit in den Raum oder diskutiert die psychologischen Prozesse, welche einen Menschen in den Selbsttod treiben können. Ein Trauerspiel. Michelle macht es ihnen aber natürlich auch sehr schwierig. Kommt sie doch aus der PreParisHilton-Epoche. Keine RTL-Explosiv-Auftritte. Keine eigene Webpage. Kein Facebook- oder Studivzaccount. Sie ist nicht im System. Gemein. Aufgeben wollen einige ihrer „Verfolger“ trotzdem nicht. Sollten sie aber.

[einige der Originalquellen sind inzwischen leider nicht mehr verfügbar – deswegen der Linkmangel]