Japans next Topmodel

by matthias

[Original-Post vom 10-03-2008]

Ein kurzes Räuspern. Keine Reaktion. Ein kleiner Stuppser. Das Schnarchen wird nur lauter. Ich gebe auf. Er hat es schon längst. Es ist kurz nach Mitternacht. In Japan. Ich sitze in der U-Bahn nach Yokohama. Die Wagen sind vollkommen überfüllt. Man könnte meinen es sei Berufsverkehr. Ein Blick in die Runde. Es ist Berufsverkehr. Um mich herum stehen, nein vegetieren Geschäftsmänner in ihren knitterfreien Anzügen. Ich komme mir vor wie in einem Zombiefilm. Auf meiner rechten Schulter hat es sich einer dieser vielen hängenden Köpfe bequem gemacht. Irgendwie niedlich – mein eigener kleiner Japaner. „Where do you come from?“ ertönt da plötzlich schüchtern von gegenüber. Die zerbrechliche Stimme passt zur Statur der Fragestellerin. Es folgt Smalltalk. Netter Smalltalk. Sie besteht darauf, mir in gebrochenem Englisch den U-Bahn-Plan zu erläutern. Ich verstehe kein Wort. Aber genieße den Moment. Wie auch die Situation am Flughafen zwei Stunden früher. Hier sorgte die liebenswürdige Frau von Infoschalter 4 für Panik bei einem verspäteten und vollkommen übermüdeten deutschen Touristen. „The last train leaves in five minutes“. Könnte eng werden, schließlich muss ich vorher noch telefonieren. Und habe kein Kleingeld. Infoschalter 4 erkennt meine scheinbar aussichtslose Lage. Sie öffnet ihr eigenes Portemonnaie, drückt mir einen Teil ihres ehrlich verdienten Geldes in die Hand und beschreibt mir lächelnd, aber bestimmt, den Weg zur nächsten Telefonzelle und dem richtigen Gleis. Manchmal liebe ich die Menschen. Wenig später sitze ich neben meinem schnarchenden Geschäftsmann und atme die schweißgefüllte Luft der Linie Tokio – Yokohama. Es ist der Eintritt in eine andere Welt.

Manche Bilder bleiben einfach hängen. Nach jedem Urlaub. So auch nach meinem Ausflug ins Land des Lächelns im Sommer 2007. Sprechende Rolltreppen. Singende Toiletten. Computergesteuerte Sushilaufbänder. Tokyo ist die organisierte Überforderung der menschlichen Sinnesorgane. Dieser Mischung aus Hektik und Hello Kitty kann man als Fremder nur mit humorvoller Intoleranz entgegentreten. Wie es eben so ist, wenn man etwas nicht begreifen kann. Vielleicht ist ja auch deswegen das Bild, was mir als erstes von diesem Urlaub in den Sinn kommt, ein ganz anderes. Keine Hektik. Keine Menschenmassen. Stattdessen befinden wir uns in einem kleinen Park. Auf einem kleinen Hügel. Im riesigen Yokohama. Mit dem Fahrrad meines Cousins habe ich mich hier hinaufgekämpft. Und werde beim verdienten Entspannungsparkbankaufenthalt nun Zeuge eines ungewöhnlichen Fotoshootings. Protagonisten: zwei Hasen und ein Japaner.

Manche Menschen gehen mit ihrem Hund in den Park. Wer sich keinen Hund leisten kann, der nimmt eben seine Großeltern. Aber mit einem Hasen? Genau der hoppelte aber aus dem kleinen roten Käfig, der von einem turnschuhtragenden Geschäftsmann mitten im Herzen der schönen Grünanlage abgestellt wurde. Und dahinter gleich noch einer. Wenn auch bedeutend kleiner. Da schauten selbst die alteingesessenen lokalen Parkbesucher verwirrt. Doch um Freilauf ging es unserem Hasenbesitzer gar nicht. Denn kaum waren unsere zwei Vierbeiner unterwegs, zückte der sympathisch wirkende Mittvierziger seine Kamera samt Weitwinkelobjektiv. Aha. Ein Fotoshooting. Aber wofür die Bilder? Als Fetisch? Oder doch nur der Geburtstag der Großmutter? Fragen über Fragen. Nur eines ist sicher: die Modelle waren nicht eingeweiht. Diese verhielten sich nämlich genauso zickig wie Heidi Klum’s abgemagerte Frischfleischbande. Beweist das Video hier. Und ist sowieso viel anschaulicher, als alles was ich hier nun dazu von mir geben könnte. Also halt ich die Klappe.