204.456

by matthias

[Original-Post vom 01-03-2008]

Ein letzter Blick auf den Tachometer. 204.456 Kilometer. Ich könnte weinen. Tu ich natürlich nicht als Mann. Emotional ist der Abschied trotzdem. Das merkt auch der Gebrauchtwagenhändler. „204.456 ist ne Menge“ kommentiert er. Doch was versteht er schon. Für ihn ist es nur eine Zahl. Für mich verstecken sich dahinter klimaanlagenfreie Fahrten durch die sommerliche Hitze Italiens, Reifenpannen vor dem Münchner Olympiastadion, in voller Fahrt abfliegende Radkappen in badischen Dörfern und manch spannende Alkoholkontrolle in meiner Heimatstadt. Zugegeben, nicht jeder dieser 204.456 Kilometer geht auf mein Konto. Doch immerhin hat dieser blaue Nissan Primera fast die Hälfte seines 20-jährigen Lebens in meiner Obhut verbracht. Eine Zeit, die von tiefem beiderseitigem Respekt geprägt war. Der Wagen bekam Respekt vor einem Fahrer, der ihn knappe zehn Jahre lang ohne größere Blessuren selbst durch dichtesten Stadtverkehr, und vorbei an manch unberechenbarem Rentner, manövrierte. Das war kaum vorauszusehen, schließlich bestand ich meine Führerscheinprüfung im letzten Jahrhundert nur deswegen, weil der Prüfer ein Frischling war und an seinem ersten Arbeitstag nicht gleich zwei Leute hintereinander durchfliegen lassen wollte (ein großer Dank hier noch mal an die emotionale junge Dame, die nach ihrer nicht bestandenen Führerscheinprüfung in Tränen ausbrach und so den Prüfer, rechtzeitig zu meiner Prüfung und manch falschem Spurwechsel, für die Ängste und Nöte junger Menschen sensibilisierte).

Im Laufe der Jahre verdiente sich der Wagen aber auch meinen Respekt. Wer entgegen aller Wahrscheinlichkeiten, und manch skeptischen Kommentar des Freundschaftskreises, immer wieder die Temporäre-Überlebens-Vignette (TÜV) verliehen bekommt, den muss man einfach gern haben. Noch entscheidender für meine grenzenlose Bewunderung war aber ein Frankreichurlaub, in dem es der Wagen selbst mit gewissenlosen Autodieben aufnahm. Ein leere Parkplatz am Morgen hatte erst noch für Panik gesorgt, doch schließlich fanden wir ihn, wohlbehalten und in nur 200 Meter Entfernung, triumphierend in einem Graben wieder. Ein harter Hund. Doch alles hat ein Ende. Den Anfang nahm es in einer deutschen Werkstatt. „Stecken Sie keinen Euro mehr in diese Kiste“ riet mir ein Mechaniker, der offensichtlich das System hinter seinem Gehaltsscheck nicht verstanden hatte. Stattdessen riet er mir so schnell wie möglich zu handeln, um zumindest noch ein bisschen Profit machen zu können.

So stand ich dann also vor dem Gebrauchtwagenhändler, um 350 Euro reicher und ein Auto und tausend Erinnerungen ärmer. Ein letzter Blick. 204.456. Das Leben geht weiter. Auch für den Wagen. Denn nun geht es per Schiff nach Afrika. Die importieren nämlich alles was vier Räder hat. Hier stört es niemanden, dass der TÜV nächsten Monat abläuft. Das sich die Beifahrertür nur von innen öffnen lässt, eine der Fensterkurbeln abgebrochen und das Erste-Hilfe-Set 1996 abgelaufen ist. Hauptsache er fährt. Irgendwie. Doch was erwartet ihn dort drüben? Wird er vielleicht mit Kindersoldaten gefüllt, die dann von der Rückbank aus ganze Landstriche mit MG-Feuer überziehen? Nein, dafür würde er sich nicht hergeben. Stattdessen sehe ich den Wagen durch kleine nigerianische Dörfer fahren, in denen Kinder aus ihren Lehmhütten eilen und ihn mit großen Augen neugierig umringen. Der Kofferraum wird geöffnet – er ist prallgefüllt mit Lebensmitteln. Ein kleiner fünfjähriger Junge, gezeichnet durch die Wirren des Bürgerkrieges, kämpft sich durch die Menge. Seine einzige Hand greift einen kleinen Sack Mehl. Stolz rennt er mit ihm zurück zu seiner alleinerziehenden Mutter und seinen neun Geschwistern. Mit ihnen sitzt er dann später am Lagerfeuer, das frisch gebackene Brot in seiner Hand, und erzählt die Geschichte von der Ankunft des blauen Nissans.

Es ist eine schöne Geschichte. Eine beruhigende Geschichte. Denn trotz des Abschiedsschmerzes weiß ich so, dass der Verkauf des Wagens eine gute Sache war. Für beide Seiten. Mein Nissan bringt nun Leben und Zuversicht in die Dörfer Afrikas und gewinnt so an Stolz und Respekt. Und ich bekomme so ein gutes Gewissen. Und natürlich auch noch 350 Euro vom Händler. Davon kann ich jetzt endlich ne Playstation kaufen. Super.