Die Welt zu Gast bei Rauchern

by matthias

[Original-Post vom 09-01-2008]

Nein, dies wird keine weitere „Gesundheit vs. Persönlichkeitsrecht“ – Diskussion des Rauchverbots. Die ist ja eigentlich auch sinnlos. Recht haben sie ja alle. In einer guten Demokratie sollte jeder Raucher sein Recht auf Lungenkrebs einfordern und jeder Nichtraucher das Verbot dieses gesundheitsschädlichen Qualms bei ein paar Wodka Red Bull genießen können. Die ganze Aufregung ist ja auch deswegen unverständlich, da das Rauchverbot doch eigentlich beiden Seiten nur Vorteile bringt. Raucher können so nun endlich ihren eigenen Schweiß riechen, in Clubs sogar noch zusätzlich den von 150 Anderen. Und Nichtraucher können nun endlich ihre Passivrauchmenge verdoppeln, da sie von ihren Raucherfreunden ja jetzt entweder in die separaten Raucherräume der Kneipen oder deren verqualmte Wohnungen geschleppt werden. Also, wieso das Klagen? Stattdessen sollten wir feiern. Was? Natürlich den unglaublichen Imagegewinn unseres Landes.

Deutschland, das Land der gesetzestreuen Langweiler. So sah uns die Welt. Aber das ist vorbei. Erst kam die WM. Die zeigte, dass wir feiern können. Nun kommt das Rauchverbot. Das zeigt, dass selbst wir in der Lage sind Gesetze mutwillig zu brechen. Die Welt reibt sich die Augen. Alleine die unterschiedlichen Regelungen in den verschiedenen Bundesländern. Mit Hilfe des Föderalismus schafft der Teutone Chaos. Da ist selbst der Wirt der Pizzeria Roma baff. Und fühlt sich zum ersten Mal wirklich heimisch in unserem Land.

Doch es gibt ja noch viel mehr zu bewundern. Zum Beispiel hier in Baden-Württemberg. Stets im Konjunkturhoch und der Pisa-Spitzengruppe, da hat dieses Bundesland natürlich auch in Punkto Rauchverbot Maßstäbe gesetzt. Einfach verbieten? Viel zu banal. Stattdessen zeigt man Herz. Zumindest für die Wirte mit mehreren Räumen. Die dürfen in separaten Räumen das Rauchen erlauben. Die anderen haben Pech gehabt. Doch man rechnete nicht mit dem deutschen Erfindungsreichtum. Und der neugewonnenen Rebellenmentalität. Schon fast legendär ist der Überlinger Wirt, der einfach ein Festzelt in seiner Wirtschaft aufbaute. In denen darf man schließlich rauchen. Dann ist da natürlich auch noch die bekannte Clubregelung, bei der billig produzierte Ausweise eine geschlossene Gesellschaft suggerieren sollen. Die darf nämlich auch weiter paffen.

Aber es geht auch weniger kompliziert. Und genau hier zeigt sich die breite deutsche Gesetzesbrecherfront in all ihrer Schönheit. Gehören einem zum Beispiel zwei nebeneinanderliegende Kneipen, kann man ja eine davon (natürlich die bedeutend größere) schnell zum Nebenraum der anderen erklären. So geschehen in meiner Heimatstadt. Mehrfach. Aber was wenn man keine zwei Kneipen besitzt? Oder nur einen Raum hat? Kein Problem. Elegant löst dies zum Beispiel bei uns eine kleine Kellerkneipe. Ab dem vierten Holzbalken beginnt hier offiziell der „Raucherbereich“. Oder wie wäre es mit einer Zeitregelung. Dazu müssen wir zur nächsten Kneipe wechseln. 22 Uhr. Die Bedienung verteilt plötzlich Aschenbecher. Zitat: „Wir sind jetzt eine offene geschlossene Gesellschaft. Ab jetzt darf man rauchen“. Es geht aber noch viel einfacher. Warum das Verbot nicht komplett ignorieren. Wie zum Beispiel in einigen Spelunken in abgelegeneren Stadtvierteln. Hier rauchen die Stammgäste schon seit 30 Jahren. Und tun das auch weiter. Da soll sich erst mal ein Polizist reintrauen. Die kontrollieren ja sowieso nicht. Verweisen stattdessen ans Ordnungsamt. Das sagt, es mangelt an den dafür nötigen Einsatzkräften. Und zwar öffentlich. Im Interview in der regionalen Zeitung. Auf Seite 1. Da freut sich der Wirt. Auch der Raucher. Und der Lungenkrebs.

Wir sollten uns auch freuen. Vom grauen Entchen zum Sympathieträger Europas in nur zwei Jahren. WM und Rauchverbot, hier habt ihr unser neues deutsches Lebensgefühl. Auch wir können feiern und Gesetze ignorieren. In jedem steckt eben ein kleiner Italiener. Das war aber erst der Anfang. Gebt uns noch fünf Jahre. Dann hupen wir auch an jeder Kreuzung.