Subjektiver Beobachter

Liebe Geflügelindustrie, ich erkläre euch mal das Internet…

Liebe Geflügelindustrie,

ich weiß, ihr habt es nicht leicht. Niemand mag euch. Dabei tut ihr ja nur das beste für diese kleinen Küken. Viel Antibiotika, damit sie mal groß und… naja halt groß werden. Eine Unterbringung in einer Wohngemeinschaft mit Unmengen Gleichgesinnter. Und die Aussicht auf einen knackig-braunen Teint in den späteren Jahren. Aber irgendwie kriegt ihr dann immer am Ende von der Presse das Fett ab, obwohl ihr es ja eigentlich uns geben wollt. Aber eigentlich seid ihr ja nur missverstanden, wie ihr uns gerade eindrucksvoll mit diesen Anzeigen hier zeigen wollt:

Die findet man aktuell auf mehreren Nachrichtenseiten – und diese führen uns direkt auf eure kleine Informationsplattform hier:

http://www.deutsches-gefluegel.de/erzeugung/wir-die-erzeuger/gefluegelhof

Ja, eigentlich ja ein cleverer Gedanke. Nicht, dass irgendjemand euer heile-Welt-Gefasel ernst nehmen würde. Aber man kann es ja mal probieren. Ohne Ahnung vom Internet zu haben ist das aber ein bisschen gefährlich. Deswegen mal ein kleiner Hinweis von mir. Wer bei euch den interaktiven Stallrundgang anklickt und dann auf das Eingangstor des Stalls klickt, bekommt von euch ja ein wundervolles Video serviert, in dem sympathische junge Frauen sich scheinbar voller Hingabe um jedes einzelne Küken kümmern. Blöd nur, wenn man das Video über Youtube einbindet. Weil wenn das Video vorbei ist, bietet einem die sympathische kalifornische Videoplattform ja dann ein paar inhaltliche verwandte Videovorschläge an. Mein persönliches Highlight wäre da der alte Klassiker „deutsche Hähnchenmast: Wachstumsdoping“. Was man sich dann, visuell ansprechend auf eurer Webseite eingebettet, gleich mitanschauen kann. Das sieht dann übrigens so aus:

Das nenne ich mal Transparenz. Und ja, ihr habt recht, das überrascht eure Kritiker. Man kommt sogar fast in die Versuchung euch irgendwie gern zu haben. So ein kleines bisschen…

Favorite Places (2): Warten im Dschungel

Siehe da, es geht doch. Wieso für einen Bahnhof Bäume abholzen, wenn man beides doch so wunderbar kombinieren kann. Nirgendwo lässt sich schöner auf den Zug warten als im Fernbahnhof Atocha in Madrid. Darauf hätte der gute Heiner Geißler mal kommen sollen.

Fettnäpfchenalarm – Kolumbien 2011

Betretendes Schweigen. Meine Gastgeber schauen mich irritiert an. Ich ebenso irritiert zurück. Was habe ich denn jetzt wieder falsches gesagt.

Kolumbien, im Frühjahr letzten Jahres. Ich sitze an einem überdimensionalen Esstisch. Neben mir: die komplette kolumbianische Sippschaft einer guten Freundin. Vor mir: eine große Platte Käsespätzle. Selbst gemacht natürlich. Mann muss sich ja für all die Gastfreundschaft bedanken. Auch wenn meine Spätzle eher die Form von Ravioli haben. Aber davon weiß ja der Kolumbianer nichts. Bei Fragen also nichts anmerken lassen: Ja, die sehen immer so aus. Nur, all die Kochkünste bringen natürlich rein gar nichts, wenn man sich nur eine Minute später ohne Umwege in das größtmögliche Fettnäpfchen wirft. Dabei war vorher doch klar – Matthias, bloß nicht die Drogenkriminalität erwähnen. Vor allem hier in Cali – die Stadt kennt man im Ausland ja sowieso wenn nur “dank“ dem berüchtigten Cali-Kartell.

“In Deutschland denken doch bestimmt viele, dass wir hier alle nur Drogen anbauen?“ – fragt mich auf einmal der Vater meiner Freundin. Der Klang des Fettnäpfchen-Alarms bringt mein Großhirn zum Wanken. Ok Matthias, keine Fehler jetzt. Denkleistung auf Maximum fahren und raus mit einer den Tischfrieden sichernden Antwort: “Nein, das glauben höchstens ein paar wenige Leute, die wirklich keine Ahnung haben. Die denken wahrscheinlich auch, dass jeder hier einen Kokastrauch im Garten hat – was natürlich total verrückt ist.“ So, und jetzt noch ein kurzer Lacher hinterher und schon hast du dich locker aus der Situation befreit. Komischerweise lacht der Rest nicht. Kein gutes Zeichen. Stattdessen folgt betretendes Schweigen. Gefühlte zehn Minuten. Dann hat meine Freundin ein Erbarmen mit mir. “Matthias, also wir haben hier einen Kokastrauch im Garten“.

Stille. Scotty, beam me up. Blitzeinschlag im Nachbarhaus wäre auch akzeptabel. Hauptsache ich komme irgendwie raus aus dieser Situation. Glücklicherweise verzeihen mir meine Gastgeber aber. Und zeigen mir gleich mal den Kokastrauch im Garten. Sieht eigentlich ganz harmlos aus. Hat dieses Land aber trotzdem direkt in den Abgrund geführt. Aus dem es sich aber jetzt wieder langsam befreit. Schräge Busfahrer, gesegnete Autos, suspekte Handyvermietung und Glücksspiel auf der Landstrasse – da gibt’s eine ganze Menge zu erzählen. Aber davon mehr ein anderes Mal…

Nackt in Ljubljana

Wie schön, wenn eine Überschrift schon alles sagt. Erspart mir das Schreiben. Und dem Leser das Denken. So reichen ein paar Beweisfotos. Direkt vom Kongress-Platz im Stadtzentrum Ljubljanas. Der wurde früher oft für zeremonielle Zwecke genutzt. In gewisser Weise scheint das heute auch noch der Fall zu sein. Das sollte sich mal jemand auf dem Marienplatz trauen. Ach, ich liebe fremde Länder einfach…

Irland (Teil 1): Bettelarm aber steinreich

Nichts macht kreativer als akuter Geldmangel. Zeigte man mir eindrucksvoll bei meinem letztjährigen Irlandaufenthalt. Faszinierend, was eine leere Staatskasse für Energien freisetzen kann. Natürlich kann der arme Ire nichts für das eigene Staatsdefizit – ist ja nicht seine Schuld, dass Kerrygold an der Edelmetallbörse nicht akzeptiert wird. So steht er nun allein im Regen, aber damit kennt er sich ja aus. Und findet prompt die passende Lösung für sein Problem. Also, genau zuhören meine lieben Akropolisbesitzer, manchmal ist die Antwort auf den drohenden Staatsbankrott denkbar einfach. Oder um es mit den Worten eines alten irischen Sprichwortes zu formulieren: „Ist kein Geld mehr in der Socke, starte die Touristen-Abzocke“.

Eigentlich sind ja die Kelten an allem Schuld. Wobei, haben die ja nicht ahnen können, dass sie mit ihrer Steinstaplerei ihre Nachfahren einmal vor dem sicheren Ruin retten würden. Egal wo die Jungs damals vor 2000 Jahren nämlich im Suff ein paar Steine übereinander gelegt haben – man kann sicher sein, dass heute ein findiger Ire davor mit seinem Tickethäuschen steht. Natürlich ist die Kostbarkeit auch noch meist von einer dicken Steinmauer umgeben, nicht dass da ein cleverer Tourist noch einen Gratis-Blick riskiert. Steinstapel zu errichten um damit den Blick auf Steinstapel zu verhindern – da muss man auch erst mal draufkommen.

Nun gut, könnte man sagen, ich kann mich ja einfach weigern horrende Eintrittspreise für ein paar Keltenklötze zu bezahlen. Und stattdessen mir einfach die wunderschöne Küstenlandschaft anschauen. Ach, wie naiv diese Touristen, niedlich. Ist natürlich auch nicht umsonst. Der Ire ist ja nicht blöd. Und verlangt auch für ein paar Klippen an der Küste Eintritt.

Wobei, die Klippen selbst kosten eigentlich nichts. Da hat man sich nämlich einen ganz cleveren Trick einfallen lassen. Sicher bei zahlreichen Gläsern Guinness. Das dürfte damals im Pub wohl ungefähr so gelaufen sein:

Patrick Fitzpatrick: „Mann…ist echt eine Schande, dass wir mit den Cliffs of Moher keine Touris abzocken können.“

Murphy McMurphy: „Wieso denn nicht?“

Patrick Fitzpatrick: „Kennst du nicht den Nebel da draußen? Mensch, wir können doch keinen Eintritt für ein paar Klippen verlangen, die man nicht mal sieht?“

Murphy McMurphy: „Mmmmhh…das müssen die doch nicht wissen. Wir machen den Eingang einfach in ein paar hundert Meter Entfernung!“

Patrick Fitzpatrick: „Ah…clever. Und weißte was, wir kombinieren das mit einem Parkplatz. Und lassen die dann fürs Parken bezahlen. Und zwar richtig kräftig!“

Murphy McMurphy: „Klasse. Wir bieten aber nur eine einzige Parkmöglichkeit in der Gegend und stellen drumherum Parkverbotsschilder auf. Damit die auch keine andere Wahl haben.“

Patrick Fitzpatrick: „Uh…das ist gut. Aber was, wenn die Leute dann sauer werden. Wenn die nichts von den Klippen sehen, dann hauen sie uns die teuren Tickets um die Ohren.“

Murphy McMurphy: „Keine Frage, wir brauchen noch irgend eine hippe Zusatzattraktion. Was ist denn gerade „in“ bei den Stadtmenschen? Da gibts doch diese Sache mit den komischen Brillen, oder?“

Patrick Fitzpatrick: „3D!“

Murphy McMurphy: „Genau. Wir bauen ein 3D-Kino. Aber wohin nur?“

Patrick Fitzpatrick: „Ach, warum nicht in den Berg rein. Sprengladung rein und fertig. Blöde Natur hier geht mir sowieso schon seit Jahren auf den Sack.“

Murphy McMurphy: „Klasse. Und innen zeigen wir dann einen Film von den Klippen. Bei Sonnenschein!“

Patrick Fitzpatrick: „Mensch super Idee. Aber da fehlt mir noch das pädagogische. Man sollte noch irgendeine Ausstellung machen. So wie Klippen entstehen und so. Weißte, damit die auch das Gefühl haben was zu lernen.“

Murphy McMurphy: „Wenn es sein muss. Aber nicht mit soviel Text, mehr so Bilder und so. Es reichen ein paar Tafeln. Wichtig ist das Platz für das Restaurant bleibt!“

Patrick Fitzpatrick: „Natürlich. Und…komm…sags schon…natürlich zu…“

Murphy McMurphy: „….horrenden Preisen!“

Patrick Fitzpatrick: „Natürlich. Einfach brilliant. Bleibt nur eine Sache noch, ich mein wer schaut sich den ganzen unnützen Kram da drin überhaupt an. Was wenn die alle draußen bleiben?“

Murphy McMurphy: „Bei dem Regen?“

Patrick Fitzpatrick: „Natürlich, ach klasse!“

Besuch doch mal den Michael

Langgezogene Sandstrände laden zum Baden in türkisblauem Wasser ein. Majestätische Ruinen präsentieren sich im geheimnisvollen Licht der Abenddämmerung. Bildhübsche Frauen tanzen durch das wilde Nachtleben der Metropolen. Ach, die Werbekampagnen fremder Länder machen einfach Lust auf Urlaub, nicht wahr? Aber wie locken wir wohl ausländische Gäste zu uns nach Deutschland? Wir sind ja immerhin bekannt als das Land der Dichter und Denker. Wobei mir bei dem Letzteren ja schon ein bisschen Zweifel kommen, angesichts dessen was mich da letztes Jahr in einer Londoner U-Bahn-Station anlächelte. Vorhang auf für die Werbekampagne der deutschen Tourismuszentrale:

Ich habe da ein paar Fragen.

Erstens. Michael Ballack spielt ja bekanntlich im defensiven Mittelfeld. Seine Aufgabe bei der Nationalmannschaft war es unter anderem Menschen aus fremden Nationen zur Not auch mal umzuhauen bevor sie in unser Gebiet eindringen. Genau die gleiche einladende Wirkung hat dieses Bild auf mich. Frage: Ist das eine gewollte Assoziation?

Zweitens. Als einprägsamen Slogan habt ihr „Affordable Hospitality“ (bezahlbare Gastfreundschaft) gewählt. Euch ist schon klar, dass Gastfreundschaft bei anderen Ländern gratis dabei ist. So ganz umsonst.

Drittens. Ihr macht eine Werbekampagne. Ihr sucht eine ansprechende Überschrift. Ihr werdet bezahlt dafür. Ihr einigt euch auf folgendes: „Germany. A great place to visit if you have time to spare“ (Deutschland. Ein toller Ort für einen Besuch – wenn man noch Zeit übrig hat). Ist das euer Ernst?

Also liebe Engländer. Wenn ihr noch ein bisschen Zeit übrig habt, nach dem ihr in all diesen anderen Ländern mit den langen Stränden und riesigen Metropolen (inklusive all diesem komischen Kulturzeug) gewesen seid, dann könnt ihr ja vielleicht mal kurz bei uns in Deutschland vorbeischauen. Bringt aber auf jeden Fall auch ein bisschen Geld mit, schließlich wollt ihr ja, dass wir nett zu euch sind. Bevor der Michael euch dann umhaut.

Wir freuen uns auf euch,
euer Germany

Startup a la Kambodscha

„You have money?“ Das Paar brauner Augen schaut mich eindringlich an. Ich lächle zurück. Freundlich. „Sorry, no“ meine ich. Ich habe mir vorgenommen hart zu bleiben. Auch wenn vor mir ein ca. 12jähriges Mädchen steht. Und wir uns mitten im kambodschanischen Dschungel befinden. Im Winter 2005. Das übliche Dilemma. Reicher Westeuropäer reist durch Dritte-Welt-Land. Ruinen besichtigen. Kultururlaub. Sie senkt schüchtern den Kopf. Nicht nachgeben, Matthias. Sie schaut mich wieder an. „Can I see money from your country“. Wieder dieses Lächeln. Jetzt bloß nicht weich werden. Naja, zeigen kann ich es ihr ja. Und krame eine Ein-Euro-Münze aus dem Geldbeutel. Sie beginnt zu strahlen. „It looks beautiful“. Dieses Lächeln. Ich spüre wie die Dämme brechen. Diese Augen. „Can I show my friends?“. Ich habe verloren. „Keep it“ meine ich nur. Sie strahlt. Schon wieder. Oder immer noch. Und läuft davon. Was bringt eine Ein-Euro-Münze im kambodschanischen Dschungel. Ein Rätsel. Aber nicht lange.

Zwei Stunden später. Neue Ruine. Neues Kind. Gleiches Lächeln. „Where are you from?“.  Schon wieder braune Augen. „Germany“ antworte ich. Das Lächeln wird größer. „You can change?“ fragt sie. Verwirrung. Ich verstehe die Frage nicht. „Change money? I found German money?“. Sie hebt mir eine Ein-Euro-Münze hin. Ich begreife. Wie clever. Ich muss grinsen. Sie auch. Dann der Austausch. Sie bekommt ihre kambodschanischen Riel. Ich meinen Euro. Sie lächelt wieder. Ich diesmal auch. War ich mit 12 schon so aufgeweckt. Wohl kaum. Sie läuft davon. Ich folge ihr. Und treffe dann auf die komplette Gang. Das muss fotografisch festgehalten werden. Schon wieder dieses Lächeln. Diesmal von der Anführerin. Sie tritt vor. Selbstbewusst. Entschlossen. „You want picture?“ Ich nicke. „We are not for free“ wirft sie mir entgegen. Und wieder dieses Lächeln. Es geht einfach nichts über freie Marktwirtschaft. Sie bekommt ihr Geld. Ich bekomme mein Bild. Und Respekt vor soviel Einfallsreichtum. Dieses Land hat eine große Zukunft.

 

Wiedergeburt

Es ist so einfach einen Blog zu starten. Aber so schwer ihn am Leben zu halten. Das wird jetzt anders. Hoffentlich. Diesmal mit mehr Energie. Und in neuem Gewand. Aber erstmal mit alten Inhalten. Nennt sich Recycling. Wird immer mal wieder vorkommen. Aber nicht Überhand nehmen. Auf die Zukunft.

Kaffee lässt Brüste schrumpfen

[Original-Post vom 15-01-2009]

Sagt eine schwedische Studie. Ok, ich trinke gar keinen Kaffee. Und ich habe auch keine Brüste. Aber ist einfach eine tolle Überschrift, nicht wahr? Wobei ich auch als Mann Kaffee weiter meiden werde. Der macht nämlich komplett verrückt. Sagt eine britische Studie. Die Wahrscheinlichkeit Stimmen von imaginären Personen zu hören, ist bei Kaffeekonsumenten dreimal höher als bei der restlichen Bevölkerung. Gut, die Jungs der Durham Universität räumen ein, dass es auch noch eine andere Erklärung geben könnte. Nämlich das Menschen mit Wahnvorstellungen einfach häufiger zum Kaffee greifen. Aber das ist ja nun wirklich etwas abwegig. Man hat ja auch so toll recherchiert. Haben unsere britischen Freunde doch ganze 200 Studenten nach ihren ganz persönlichen Halluzinationen befragt. Und deren Häufigkeit dann in Relation zu dem Kaffeekonsum der Betroffenen gesetzt. Ist ja auch naheliegend. Wer hat denn bitte nicht schon nachts mit Kaffee Hag zugedröhnte Jugendliche im Park erlebt. Wahrlich kein schöner Anblick.

Viel schöner dagegen mit anzusehen, wie auf der ganzen Welt Hand in Hand den Folgen des Kaffeegenusses auf den Grund gegangen wird. Ein paar Wissenschaftler weniger wird die Suche nach einem Heilmittel für Krebs ja schon verkraften können. Wobei sich beides ja eigentlich ganz toll miteinander verbinden lässt. Schließlich senkt Kaffee das Risiko an Gebärmutterkrebs zu erkranken. Sagen die Japaner. Aber bitte nicht zu früh freuen, unterbricht der Finne. Man sollte ja nicht vergessen, dass Kaffeekonsum rheumatische Gelenkentzündungen fördert. Nun gut, kontern Schweden und Niederländer, aber dafür schützt Kaffee vor Diabetes. Noch jemand der den Ruf dieses köstlichen Getränks durch den Kakao ziehen möchte?

Ja, sagt der Ami, schließlich will er auch mitreden. Kaffee erhöht das Risiko auf Fehlgeburten. Ach, dieser verdammten Pessimist. Zeit für eine dänische réplique. Mag natürlich schon sein, sagt der deutlich lebensfreudigere Nordeuropäer, aber wenn das Kind dann doch geboren wird, dann hat der Kaffeegenuss zumindest keinen Einfluss auf das Geburtsgewicht. Der Italiener kommt ebenfalls zu Hilfe. Kaffee schützt auch vor Karies. Und vor Allergien. Jetzt ist der Ami aber in der Defensive. Zeit für den deutschen Todesstoss. Direkt aus der Uni Jena. Kaffee schützt vor Haarausfall. Das sitzt.

Unser kaffeehassender amerikanischer Freund ist nun am Boden. Und bekehrt. Jetzt sprudelt es dafür nur so aus ihm heraus. Ihr habt ja alle Recht. Kaffee stärkt ja sogar das Herz, erhöht dabei aber nicht den Blutdruck, vermindert das Risiko auf Gallensteine und schützt die Leber und bewahrt uns damit vor den Folgen exzessiven Alkoholkonsums. Das hören wir gerne. Ab sofort packen wir abends jetzt immer zwei Sixpacks ein: einmal Becks, einmal Dallmayr-Prodomo.

Ach ja, fügt unser nordamerikanischer Freund noch hinzu, und vor Parkinson schützt es ebenfalls. Und sicher noch vor viel mehr, nur das hat er gerade vergessen. Glücklicherweise springen hier aber die Brasilianer ein. Denn Kaffee steigert selbstverständlich auch die Fruchtbarkeit und das Sexualleben. Kann man da noch einen draufsetzen? Nur wenn man Kubaner ist. Das fidele Völkchen hat die Gründe für seine so langlebige Bevölkerung nämlich ebenfalls schon wissenschaftlich nachgewiesen: Zigarren, Sex und natürlich jede Menge Kaffee.

Unterwegs mit Ötzi und Margarete

[Original-Post vom 14-09-2008]

Klingt nach Volksmusiksendung. Beschreibt aber traumatische Erlebnisse. Könnte man natürlich auch ein Lied drüber schreiben. Zum Schunkeln würde das aber wohl kaum einladen. Nach zwei Wochen Südtirol bin ich auf dem Gebiet ja jetzt Experte. Mehr Marianne und Michael geht nicht. Natürlich kann man den Radiosender wechseln. Wenn man auf Live-Andachten steht. Oder einer Fachjury unter der Leitung von Toni Polster bei der Wahl der coolsten Gemeinde Österreichs zuhören möchte. Da gehe ich doch lieber raus in die freie Natur. Die ist hier traumhaft. Aber bin ja zum Arbeiten da. Touristenattraktionen filmen. Wofür ich jetzt aber auch seelische Leiden in Rechnung stellen werde. Diese Arbeitsbedingungen sind eine Zumutung.

Mit dem Mann aus dem Eis fing es an. Eigentlich ja ne tolle Sache. Heute noch mit Speer und Pfeil auf der Gamsenjagd, morgen ein unbekleidetes Ausstellungsstück für Zahnspangen- und mp3-Player-tragende Schulklassen. Die Wege des Herrn sind unergründlich. So liegt er da nun, der Ötzi. Im Archäologiemuseum Bozen. Und darf von mir gefilmt werden. Wenn er das nur seinen Kumpels am Lagerfeuer noch erzählen könnte. Zu spät. Bin ich aber auch. Und kann die nette Pressereferentin nicht mehr aufhalten, die mich gerade noch so sympathisch durch das Museum geführt hat. Da wackelt sie auch schon davon. Und lässt mich alleine zurück. In einem menschenleeren vierstöckigen Museum. Ohne reguläre Beleuchtung. Mit gruseliger Leiche. Klasse. Gut, dass sie neben den Kasten mit der Leiche auch noch eine lebensecht wirkende Ötzifigur aufgestellt haben. Mit diesem ausstellungsstücktypischen leeren Gruselblick. Da freut sich der Adrenalinspiegel.

Ok, nur mit der Ruhe Junge. Ist ja nicht echt. Ok, die Leiche daneben schon. Aber die ist ja mausetot. Da kommt die Pressedame wieder. Wenigstens etwas lebendiges. Da geht’s mir gleich besser. „Hab noch was vergessen“ meint sie mit einem fürsorglichen Gesichtsausdruck. „Leider ist der Ötzi im Kasten im Moment nicht beleuchtet. Aber keine Sorge, das Licht wird in der nächsten Stunde irgendwann plötzlich anspringen“. Sie lächelt. Ganz entspannt. Ich lächele auch. Ganz gequält. Sie geht wieder davon. Ich bin wieder alleine. Jetzt tapfer bleiben. Und sich die Zeit für eine Situationsanalyse nehmen. Rechts: Im Dunkeln liegende gruselige Leiche. Links: Im Hellen stehende gruselige Nachbildung. Restliche Stockwerke: Menschenleer. Ach Junge, in was bist du da wieder reingeraten.

Als Mann lasse ich mir aber natürlich nichts anmerken. Und erledige tapfer den Job. Auch wenn man sich natürlich immer mal wieder vergewissert. Das diese Ötzifigur noch da steht, wo sie sich auch noch vor drei Sekunden befunden hat. Trotzdem darf sich auf die Schulter geklopft werden. Aufgabe schließlich gemeistert. War ja nicht so schlimm. Da müssen die sich schon was Besseres einfallen lassen, um mich in Panik zu versetzen. Tun sie auch. Eine Woche später. Auf Burg Schreckenstein.

Eigentlich heißt sie natürlich Burg Taufers. Nimmt ihr aber nicht viel von ihrem Schrecken. Dabei hat sie doch auch wieder so einen netten Pressereferenten. Scheint Strategie zu sein. Ein bisschen Liebe vor dem Horror. Der hier schon auf mich wartet. Zuerst gibt’s aber wieder die persönliche Führung. Durch schlecht beleuchtete Räume mit alten Gemälden von noch älteren streng dreinschauenden Herrschaften. War früher eigentlich niemand gut drauf? So wie mein Pressereferent. Der lächelt immer. Auch wenn er durch die Folterkammer spaziert. Oder im alten Gerichtssaal steht und von an Säulen gefesselten Gefangenen und Todesurteilen redet. Noch freudiger zeigt er mir dann auch das Zimmer der jungen Margarete. Ich ahne es schon. Ein Gruselzimmer. Geht das schon wieder los.

Wieder einmal ist natürlich die Liebe an allem Schuld. Die adlige Margarete und ein einfacher Mann aus dem Dorf. Sehr romantisch. Dachte der Rest des Adels aber nicht. Und lässt den jungen Mann am Tag der Hochzeit umbringen. Daraufhin sperrt sich Margarete sieben Jahre lang in ihr Zimmer. Um dann aus dem Fenster zu springen. Konsequent war sie, das muss man ihr lassen. Natürlich hört man auch heute noch ihr Weinen und Klagen. Direkt aus dem Gruselzimmer. Das ich jetzt filmen darf. Da hake ich natürlich lieber mal vorsichtig bei meinem Begleiter nach. „Aber das Weinen hört man nur nachts, nicht wahr?“ Er versucht lächelnd zu beruhigen. „Selbstverständlich“. Klingt aber nicht wirklich überzeugend. Auch wenn sich weltweit die Geister ja scheinbar tariflich auf die Nacht als Arbeitszeit festgelegt haben. Doch wie verlässlich ist jemand, der sich sieben Jahre in ein Zimmer einschließt, nur um dann aus dem Fenster zu springen? Nein, ich bin überhaupt nicht beruhigt. Und bete innerlich, jetzt nicht wieder diese Worte zu hören. Gott ignoriert meinen Wunsch. Der Pressereferent auch. Er lächelt wieder: „Ich lass sie dann mal allein.“

Ok, Ruhe bewahren. Du wirst nächstes Jahr dreißig Junge, du packst das. Du bist alleine in einer zweistöckigen Burg, voller verwinkelter und düsterer Gänge, gruseliger Gemälde, Folterkammern und einem sogar offiziell ausgeschilderten Gruselzimmer. Aber das ist doch kein Grund zur Panik. Du kannst ja einfach gehen. Wann immer du willst. Das beruhigt. So ca. zehn Sekunden. Dann höre ich, wie sich im unteren Stock ein Schlüssel im Schloss dreht. Er wird doch nicht? Ich laufe nach unten. Doch, er hat. Mich eingeschlossen. Damit mich keine der anderen Touristen stören. Wie nett von ihm. So sind wir ganz alleine. Ich und Margarete. Na also, geht doch, das mit der Panik.

Ich verzichte diesmal auf eine Situationsanalyse. Neue Taktik: Verdrängung. Das Gruselzimmer nach hinten schieben und als letztes filmen. Den Horror erstmal auf die Ersatzbank setzen. Dieser Plan wird natürlich zunichte gemacht. Von der Lichtanlage des Hauses. Jedes Mal, wenn ich einen Raum betrete, aktiviert ein Bewegungssensor ein paar spärliche Lampen. Die nach einer halben Minute aber wieder ausgehen. Sehr schön. So schafft man Atmosphäre. Man hat sich aber noch was besseres einfallen lassen. Und die Anlage einfach seit Jahren nicht mehr repariert. Da geht auch schon mal einfach so das Licht im Nebenzimmer an. Und mit ihr die Warnblinkanlage meines Grosshirns. Das versucht mit Logik entgegenzusteuern. Sicher ein Technikfehler. Aber Logik kann nicht das unvermeidliche verhindern. Und so stehe ich schließlich mittendrin. Im Gruselzimmer. In das man extra noch eine große Hexenfigur gestellt hat, damit man das Grauen auch filmen kann. Wie fürsorglich. So, und jetzt ranzoomen und das Bild scharf stellen. Sehr schön. Eigentlich reicht ja eine Einstellung, oder? Ja, das passt schon. Dann geh ich mal wieder. Und zwar am Besten sofort. „War gar nicht so schlimm Margarete, nicht wahr“ flüstere ich in einem Anflug von übermütigem Leichtsinn. Da geht das Licht im Nachbarzimmer an. Jetzt aber raus hier.